Nachhaltigkeit im Tourismus – Ein Lippenbekenntnis?
Kolumne in der Südostschweiz
Nachhaltige Entwicklung ist in aller Munde. Die Nachhaltigkeits-Idee durchdringt unseren Alltag: die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft usw. verpflichten sich zunehmend der nachhaltigen Entwicklung. Was geht hier ab und wie steht es um die Nachhaltigkeit im Tourismus? Die natürlichen Ressourcen sind endlich, wenn sie ausgebeutet werden und nicht regenerieren können. Das scheint an sich verständlich und einleuchtend. Trotzdem verbrauchen die westlichen Industriegesellschaften spätestens seit den 1950er Jahren die natürlichen Ressourcen übermässig. Nüchtern und nicht ideologisch betrachtet ist ausbeuterisches Wirtschaften kein tragfähiges Konzept für die Welt. Auch im Alpentourismus beginnt der Balanceverlust in den Nachkriegsjahren mit der Eroberung der Gipfel. Mehr Freizeit, mehr verfügbares Einkommen und ständig wachsende Mobilitätsmöglichkeiten lockten die Massen im Winter an den Berg und im Sommer darüber hinweg ans Meer. Spätestens in den 1970er Jahren wurde vielen klar, dass der Tourismus nicht nur wirtschaftlichen Segen in die Alpentäler bringt, sondern dass er auch die Landschaft zerstört, die einheimische Kultur verdrängt und zur Umweltverschmutzung beiträgt. Die aufkeimende Tourismuskritik bezog sich vorerst hauptsächlich auf die negativen ökologischen Folgen. Der kritisch-ökologische Ansatz hat sich im Laufe der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zum lösungsorientierten und ganzheitlichen Nachhaltigkeitskonzept entwickelt. Nachhaltigkeit im Tourismus strebt eine vernetzte mehrdimensionale Zielsetzung an:
- 1. Schutz von intakten Landschaften und die Minimierung von ökologischen Schäden durch den Tourismus.
- 2. Erhaltung und Förderung der regionalen Wertschöpfung.
- 3. Die kulturelle Rücksichtnahme der Tourismuswirtschaft und der Reisenden auf die „Bereisten“ und die Gewährleistung des Mitspracherechtes der Bevölkerung.
Soweit die Theorie. Praktisch und real betrachtet ist es nicht ganz so stimmig. Denn Nachhaltigkeit ist komplex, anstrengend und widersprüchlich. Komplex: globale Ungerechtigkeiten und Herausforderungen sind heute allgegenwärtig bekannt. Die Verarbeitung der Globalisierung und das gleichzeitige Wissen um die Auswirkungen des eigenen Handelns machen das Leben „ohnmächtig“ kompliziert. Anstrengend: Nachhaltigkeit ist kein stationärer oder glückseligmachender Endzustand. Nachhaltigkeit ist ein Prozess und bedarf einer ständigen gesellschaftlichen Verhandlung. Wenn vermeintlich immer gültige Wahrheiten fehlen, muss dauernd und anstrengend weiterdebattiert werden. Widersprüchlich: Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten steigt. Auch der Tourismusmarkt reagiert darauf mit Versprechen und Angeboten. Noch zu oft ist das „Bekenntnis“ nur konsumgetrieben, es bleibt beim reinen Marketing-Lippenbekenntnis und Nachhaltigkeit wird kaum konsequent in die Unternehmens- oder Destinationsstrategien integriert. Nachhaltigkeit ist eine dynamische, aber dauerhafte touristische Perspektive. Nur die Balance zwischen Ökologie und Gesellschaft ermöglicht langfristige touristische Wertschöpfung.